Freitag, 7. März 2014

Es geht weiter!

Es gab Nachfragen über meinen Aufenthaltsort, meine Reisepläne und wo ich unterkommen würde. Ich wurde gefragt, was ich an Japan vermisst hatte, dass es mich schon wieder dorthin trieb, ob ich erneut Kugelfisch essen gehen oder diesmal (endlich) getragene Schulmädchenunterwäsche aus einem Automaten mitbringen würde. Aber unter all diesen Fragen schlängelte eine sich auf besonders hinterhältige Art und Weise tief und tiefer in meine Gehirnwindungen, grub dort tief ihre Wurzeln ein und ließ sich nicht mehr abschütteln, wie ein Parasit, den ich für den Rest meines Lebens mit mir tragen müsste.

"Schreibst du wieder in deinen Blog wenn du weg bist?" so oder in ähnlicher Form wurde diese Ausgeburt der Fieshaftigkeit, der Verschlinger meiner Freizeit und gleichzeitig der Stachel in meinem Ego, formuliert (mindestens von zwei verschiedenen Leuten!!!!).

Ja.

Ja ja ja, nach zwei ganzen Tagen (+ knappen zwei Tagen Anreise) kapituliere ich wieder. Aus Faulheit euch allen zu schreiben, aus der Skepsis und dem Unwillen Facebook gegenüber, mich dort komplett zu offenbaren und aus der Angst heraus, dass ihr mich einfach vergessen würdet, wenn ich nicht mit dem Hammer den meine Literatur darstellt (lassen wir das einfach mal so stehen, ok?) ständig aufs Neue an meine Existenz erinnern würde.
Ich bin wieder in Japan und ich schreibe darüber, solange ich Zeit und Muse dafür finde. Hoffentlich genießt ihr meine Zeilen, oder, falls nicht, erleidet qualvolle Schmerzen (denkt an den Hammer!). Wichtig ist vor allem, dass an mich gedacht wird...oder so.

Im Moment sitze ich in meinem kleinen Hotelzimmer und vertreibe mir die Zeit bis ich mich mit meinen Mitreisenden zum Abendessen treffe.
Richtig, diesmal bin ich nicht alleine unterwegs, zumindest für die ersten drei Wochen. Begleitet werde ich von einem Trainingskollegen namens Dragos und einem Freund von ihm, Stefan.
Unsere Reise nach Japan stellte sich ereignislos, aber dafür umso länger heraus. Glücklicherweise war es mir gelungen sehr günstige Flüge zu finden, die uns über Dubai nach Tokyo brachten. Sonntag abends ging die Reise los, Montag nachts kamen wir etwas verspätet an und waren heilfroh den restlichen Teil der Nacht in einem Flughafenhotel zu verbringen.

Tags darauf ging es dann nach Kawasaki, den Ort, an dem ich das Ziel der ersten Hälfte meiner Japanreise erreichen wollte: das Training beim Großmeister der Tenshin Shoden Katori Shinto Ryu.
Aber es wäre ja langweilig, wenn alles so reibungslos ablaufen würde.

In Kawasaki angekommen erwartete uns erstmal ein kleiner Schock, als wir das Hotel in dem wir die nächsten Wochen verbringen wollten erreichten. Das Hotel ist ein typisches "Business Hotel" wie es sie in Japan in fast allen etwas größeren Städten gibt. Diese Art von Gasthaus ist vor allem für (rauchende - Nichtraucherzimmer gibt es leider nicht, zumindest hier bei uns) Geschäftsreisende gedacht, die nicht viel Zeit an einem Ort verbringen und sich schon gar nicht lange im Hotelzimmer aufhalten, daher auch die verhältnismäßig niedrigen Preise. Bis hierhin also nichts Überraschendes.

Wir hatten zwei Zimmer gebucht, ein Einzelzimmer und ein Doppelzimmer.
Das Einzelzimmer bietet ein Bett (immerhin 120x190), nen kleinen Schreibtisch mit Fernseher und ein Bad mit Wanne, Klo und Waschbecken.
Das Doppelzimmer bietet ein Bett (immerhin 120x190), nen kleinen Schreibtisch mit Fernseher und ein Bad mit Wanne, Klo und Waschbecken.

Moment.

Wenn ich tatsächlich für diesen Blog bezahlt werden würde und sich der Betrag an der Anzahl der geschriebenen Zeichen errechnete, würde ich diesen stilistischen Griff von eben viel häufiger anwenden.
Bei unserer Zimmerwahl handelte es sich aber nicht um fehlerhafte Anwendung von Copy&Paste Fähigkeiten, sondern von der eindrucksvollen Demonstration der japanischen Kenntnisse des Kapitalismus. Kein Wunder dass deren Wirtschaft so gut läuft! Lief! Was auch immer!

Anzumerken ist hier noch Folgendes: in einem strategisch ausgeklügeltem Manöver war es mir gelungen das Einzelzimmer für mich zu sichern. Da das schon vor unserer Ankunft ausgemacht war, hatten die anderen eine denkbar schlechte Verhandlungsbasis, als wir die Zimmer in Augenschein nahmen. So kam es also, dass sich Dragos (gefühlte 110 cm groß) und Stefan (gefühlte 210 cm groß) entschlossen (gezwungen sahen), die Nacht gemeinsam in einem Winzbett zu verbringen.
Den aufmerksamen Leser wird es nicht überraschen, wenn ich die Geschichte mit den folgenden Worten abkürze: am nächsten Tag wechselten sie zu einem Doppelbettzimmer.

Nach dem Umzug blieb uns auch gar nicht viel Zeit, um das Dojo von Sugino Sensei ausfindig zu machen. Dort wurden wir ohne große Überraschung aufgenommen, die Japaner dort sind wohl schon so gewohnt das lernbegierige Ausländer vorbeischauen, dass es für sie zur Normalität geworden ist. Das Training gestaltete sich wie erwartet...aber auch gleichzeitig etwas unerwartet. In der kleinen Halle (es können sich fünf Pärchen gegenüber stehen, aber sobald das Kata Training beginnt wird nur noch mit zwei Pärchen trainiert) wird jede Bewegung in Augenschein genommen und sehr detailverliebt korrigiert (keine Überraschung), da Sugino Sensei die Lockerheit beim Ausführen der Techniken betont und man das Kata Programm nur einmal durchlaufen kann (1x Kirikomi, 1x Uke, 1x Bo-Kirikomi + Iai)ist es aber körperlich kaum anstrengend (entgegen meinen Vorstellungen). Die Kopfarbeit macht einem mehr zu schaffen.
Nach dem Training fühlte man sich dementsprechend zurecht gestutzt, das mag aber zu gleichen Teilen auch dem Jetlag geschuldet gewesen sein, der so langsam seine Wirkung entfaltete.

Da jetzt schon Samstag ist und ich diese Zeilen donnerstags begonnen habe, beende ich die Erzählung der ersten Tage an dieser Stelle. Heute mittag ist wieder Training, sobald ich wieder Zeit finde wird das hier fortgesetzt! Vermutlich!

Sonntag, 10. Februar 2013

Das war's...

Nur noch drei Tage, dann heißt es Abschied nehmen von Japan und die Rückreise nach Deutschland antreten.
Tatsächlich kommt es mir so vor, als würde ich seit zwei Wochen nichts anderes mehr machen als Abschied zu nehmen. Da meine Freundeskreise doch sehr verteilt sind und ich versucht habe mich möglichst von jedem persönlich zu verabschieden, fing das ganze schon an, bevor Lara und Miriam hier vor knapp zweieinhalb Wochen eintrafen.

Trotzdem wurde es von Treffen zu Treffen ernster, letzten Freitag verabschiedete mich das Chirurgenteam, gestern musste ich meinen Speerkämpfern Auf Wiedersehen sagen und danach ging es gleich weiter mit drei Ärzten mit denen ich gut befreundet bin.
Die Hozoin-Gruppe ließ es sich nicht nehmen, dass ich am Ende des Trainings nochmal vor aller Augen mein innerhalb der sechs Monate (tatsächlich habe ich allerdings nur 3-4 Monate trainiert) angeeignetes Können präsentieren musste. Natürlich inklusive der drei neuen Kata (also neuen Formen), die sie mir gestern beigebracht haben. Irgendwie habe ich auch das über die Bühne gebracht und wurde mit dem Wissen belohnt, dass es eine Website gibt, auf der die Trainingstermine und Urlaubstage eingetragen werden... (> <)

Morgen muss ich meine Wohnung verlassen, die letzten zwei Übernachtungen verbringe ich bei Freunden, weshalb ich heute Großputz veranstaltet hab. Hoffentlich ist das alles OK so, böse Zungen behaupten ja, ich wäre nicht der ordenlichste unter den Studenten. Andererseits wurde mir die Wohnung auch nicht in top Zustand übergeben, daher mache ich mir keine Sorgen.

Die Medizinstudenten wollten sich bei dem ganzen Abschiedsgedöns natürlich nicht Lumpen lassen und haben deswegen eine eintägige Party organisiert. Morgen geht es erst in die Universal Studios Osaka, einem Vergnügungspark, dann nach Osaka und danach wird noch in Kashihara getrunken. Das klingt zumindest nach einer würdigen Veranstaltung, ich hoffe bloß ich kann die ganze Zeit durchhalten.

Was bleibt zum Schluss (und diesmal wirklich, das wird wohl der letzte Eintrag in diesem Blog sein) noch zu sagen?
Es fällt mir wirklich schwer Japan zu verlassen. Ich habe hier wunderbare Menschen kennengelernt, die mich mit überwältigender Wärme und Freundlichkeit in ihre Gemeinschaft aufgenommen haben. In Japan wird man als Europäer immer Fremder sein; Japaner die mich nicht kennen, sprechen mich meistens mit gebrochenem Englisch statt mit Japanisch an; gerade letzte Woche ist mir in der Klinik wieder mal ein Patient über den Weg gelaufen, der mir quasi ins Gesicht gerufen hat "Huch, ein Ausländer!" und man wird immer mal wieder jemanden dabei ertappen, wie er dich anstarrt. Aber obwohl ich zu Beginn gedacht habe, dass mich dieser Punkt am allermeisten stören würde, amüsiert es mich mittlerweile eher. Das liegt eben nicht daran, dass ich "abgehärtet" wurde - vor acht Jahren war ich ein ganzes Jahr hier und diese Tatsache störte mich von Monat zu Monat mehr statt weniger - sondern (zumindest meiner Meinung nach) eben daran, dass ich hier tatsächlich Mitglied einer Gruppe geworden bin - sei es nun die der Ärzte oder der Studenten oder eben der Speerkämpfer - und das hat in Japan eine ganz besondere Bedeutung.
Das noch weiter zu erläutern ist nicht ganz einfach und würde mich jetzt zuviel Zeit kosten, die ich nicht habe, deswegen sollen Leute die Interesse an japanischer Soziologie haben, sich doch bitte nach meiner Rückkehr bei mir melden!

Um es etwas leichter verständlich auszudrücken: ein halbes Jahr genügt voll und ganz, um sich ein Leben aufzubauen und so etwas hinter sich zu lassen, wird wohl immer schwer fallen, da man nicht weiß, welche Teile dieses Lebens bewahrt werden können und welche nur als Erinnerung weiterexistieren werden.

Fest steht, ich werde wieder nach Japan kommen, wenn möglich bald, dann aber vermutlich nicht für einen allzu langen Zeitraum. Den Rest wird die Zukunft zeigen...



Das Haus meiner Gastfamilie
 
 
 Doppelgeburtstagsessen

 Unterwegs in Kyoto


 Kiyomizudera bei wunderbarem Licht

 Und nochmal...

Im Hotel


 Büärghs???

So mussten wir sie dann leider zurücklassen, da sich die Katze nicht mehr vom Fleck bewegen wollte..

 Beim traditionellen Üben für berittenes Bogenschießen

Lecker...? Lecker!!!

 Bei der Präsentation mit Maeda-sensei vor der versammelten Gruppe

 Hochkonzentriert da sonst tot...


 Und jap, die Dinger sind lang!


 Mit dem Soke (Oberhaupt der Schule)


Eingang der berühmten Arima-Onsen!


 Nach dem Bad


Und natürlich hab ich mich zum Essen einladen lassen!


Tatsächlich hat er mir Gift in meinen Sake geschüttet, daher der Blick.


Hinter uns Kobe vor uns nur Kälte

Freitag, 18. Januar 2013

Bwahahaha von wegen!

Heute früh aufgestanden, hurtig zum Zug geeilt, um nach Nara zu fahren und das erste Mal im Jahr zu trainieren!

Tja, der Running Gag meines Japanaufenthalts hat sich auch dieses Jahr nicht lumpen lassen und das Training ist natürlich mal wieder ausgefallen...  (- . -)

Dafür geht's heut abend wieder fein mit nem Arzt Essen (gestern wurd ich auch zum Abendessen eingeladen :D ).


Nebenbei bemerkt: momentan sind Eingangsprüfungen für die Unis, weshalb Millionen Schüler heute früh unterwegs waren.

Donnerstag, 17. Januar 2013

Funkstille

Der letzte Monat meines Aufenthalts in Japan ist schon angebrochen, in nicht mal mehr vier Wochen geht es zurück nach Deutschland (für alle die es vergessen haben: am 13.2. komme ich zurück).
In der mir verbleibenden Zeit versuche ich panisch, mich von all meinen Freunden und Bekannten die ich hier gefunden habe zu verabschieden und dabei trotzdem jeden Tag zu genießen, bevor in Deutschland der Ernst des Lebens wieder losgeht.
Das stellt sich als gar nicht so einfach heraus, da viele Menschen immer noch nicht gelernt haben, ihre freie Zeit einzig und allein auf mich abzustimmen.

Ich hoffe einfach, dass ich es irgendwie auf die Reihe bekomme, mich von allen anständig zu verabschieden, sei es von Freunden von vor acht Jahren, von den Leuten aus dem Speerkampftraining, den Ärzten oder den Studenten.

Hinzu kommt, dass ich ab nächster Woche Freitag Besuch aus den heimatlichen Gefilden bekomme und eine Woche frei nehmen werde, um Japan zu präsentieren und etwas herumzureisen.
Deswegen werde ich bis zu meinem Rückflug kaum dazu kommen, hier noch etwas zu schreiben - bei Interesse ist dann ja aber die Möglichkeit der mündlichen Überlieferung wieder gegeben.


Bevor jedoch mein Abschiedsmarathon beginnt, hier noch eine kurze Zusammenfassung der letzten Wochen:

Seit letztem Montag, also dem ersten Tag Arbeit im neuen Jahr, ist ein australischer Student auf meiner Station eingetroffen, sein Name ist Josh und er ist etwas jünger als ich.
Josh hatte das Privileg in der High School sechs Jahre Japanisch lernen zu können, trotzdem hat er noch einige Schwierigkeiten mit der Sprache (wer von uns, der im Gymnasium Französisch oder Griechisch lernte, beherrscht die Sprache noch?), weshalb ich häufig als Übersetzer dienen muss.
Das ist so mittelprächtig, auch wenn Josh ein netter Typ ist, so hab ich ihn nun am Hals (er bleibt hier zwar nur einen Monat, aber danach bleibt mir auch nur noch eine Woche), da die Ärzte sich vorm Englisch sprechen drücken wollen und mich beauftragen, ihm alles Mögliche zu erklären. Dadurch verbringe ich weniger Zeit mit den Ärzten, kann weniger Japanisch sprechen und werde seltener zum Essen eingeladen...

Josh lebt derzeit bei einem der Studenten (Kosuke, er ist auf einigen meiner Photos zu sehen, klein, schwarzhaarig und mit Brille! :D ), mit dem ich auch gut befreundet bin.
Zusammen sind wir letztes Wochenende nocheinmal Snowboardfahren gegangen - allerdings nicht ohne vorher Fugu - japanischen Kugelfisch zu essen, um das Ganze etwas spannender zu gestalten.
Es gab nämlich eine tränenreiche Verabschiedungsfeier für zwei der Schwestern der Station und da muss nunmal eine tödliche Delikatesse verspeist werden.
Um die Spannung gleich mal zu lösen: ich hab überlebt!
Die tatsächlich giftigen Teile des Fugu werden nur in äußerst gehobenen Restaurants verspeist und sind für den Normalobürger eher unerschwinglich. Der Rest des Fischs gilt zwar auch als Delikatesse (da die Zubereitung trotz allem nicht ohne Risiko ist, dauert die Ausbilung bis man eine Lizenz erhält jahrelang), aber kann relativ sorgenfrei gegessen werden.

Da wir nachts um 3 Uhr aufbrechen wollten, verzichteten Josh und ich darauf, die Afterparty zu besuchen und gingen um ca. halb elf heim. Dort warf ich mich sofort in mein Bett und versuchte zu schlafen, allerdings recht erfolglos.
Um 3 Uhr ging es dann tatsächlich los, ziemlich groggy zwar, aber ich musste ja glücklicherweise nicht fahren. Insgesamt waren wir acht Medizinstudenten, mit zwei Autos. Ich hatte dabei das Glück, das Auto mit Fernseher zu erwischen und schaute mir auf dem Weg nach Meiho, Gifu "The Social Network" und "Sherlock Holmes 2" an. Dass der Fahrer mitschaute, bereitete mir etwas Sorgen, aber wie gesagt, ich war groggy und mir war an sich alles egal.
Vor Ort hatten wir eine kleine Hütte mit zwei Tatamiräumen gemietet und gingen anderthalb Tage snowboarden mit Besuch von heißen Quellen im Anschluss - das fehlt wirklich in Europa: es gibt nichts herrlicheres als nach einer kalten Abfahrt den Körper in einer der Quellen aufzuheizen, im besten Fall eine im Freien, so dass man seinen Oberkörper mit Schnee abkühlen kann, während der Rest gekocht wird!

Auf der Rückfahrt wurde dann über den Fernseher noch ein Ipad aufgestellt - eingeklemmt zwischen Frontschutzscheibe und Ablage - und japanische Soaps angeschaut. Zu dem Zeitpunkt erschien mir Fernsehschauen plötzlich als extrem sicher.

Uuuuuund Bilder:

Frühmorgendlicher Snack auf dem Weg nach Gifu

Siehe oben - müde




Missglücktes Gruppenphoto, da drei Betrunkene Leute gleichzeitig versuchten, drei wackelige Kameras auf Selbstauslöser einzustellen...

Sake mit Goldstücken!!!

Auf dem Weg zur Onsen - etwas erschöpft und mit Verbrechermütze

Sonntag, 6. Januar 2013

Neujahrspost

Das neue Jahr ist in einem wahnsinnigen Tempo herangerauscht. Es gab soviel zu tun und erleben, dass ich fast befürchte, die Hälfte schon wieder vergessen zu haben...

Glücklicherweise wurden mir hier zwei Wochen Winterferien gestattet, ab Weihnachten bis heute. Richtig, morgen startet die harte Arbeit wieder...
Nach den letzten Bōnenkai - einmal mit meiner Speerkampftruppe und dann nochmal mit den Studenten - habe ich mir an Weihnachten den Hobbit angeschaut und meiner etwas strapazierten Leber eine kleine Auszeit gegönnt. Die nächsten Tage nutzte ich, um ein wenig im Land herumzureisen.

Meine erste Etappe führte mich nach Yoshino, ein Ort, der für seine zig tausend (die genaue Zahl ist mir unbekannt aber irgendwas über dreitausend) Kirschbäume berühmt ist und damit Wallfahrtsort für die jährliche Kirschblütenschau im April. Die Kirschblüte konnte ich leider nicht bestaunen, der Ort ist aber gleichzeitig wichtiger Standort der Shugendo-Sekte des Buddhismus und im Kinpusen-Tempelkomplex steht mit dem Zaodo das zweitgrößte Holzbauwerk Japans.

 Das Hauptgebäude des Kinpusenji: Zado


 Auf dem Berg lag tatsächlich etwas Schnee!

Hier sieht man das Dorf Yoshino, wenn man genau hinschaut, erkennt man das Zaodo Gebäude.
In Yoshino beginnt die traditionelle Pilgerrute bis zum Omineberg, wo die drei Tapferkeitsprüfungen der Shugendo-Sekte durchgeführt werden können (dazu zählt zum Beispiel, sich von einer Klippe zu stürzen, nur mit einem einfachen Seil gesichert). Bis heute ist Frauen nicht gestattet, den Omineberg zu betreten, da er den Mönchen als heilig gilt und sie dort keinerlei Ablenkungen gestatten. Außerdem gilt für sie alles, was monatlich blutet, als unrein.


Ein Tourguide aus Osaka, den ich auf der Pilgerrute getroffen habe. Ich habs nur bis auf den ersten Berg geschafft, die gesamte Tour dauert wohl um die 15 Stunden. Religiöse Beweggründe hatte er übrigens nicht, er mag einfach gerne Bergsteigen.

Der nächste Trip führte mich nach Ise, dem vermutlich wichtigsten Shinto-Schrein Japans. Dieser Schrein ist Amaterasu gewidmet, der Shinto-Gottheit der Sonne. Tradition verlangt, dass der Schrein alle 20 Jahre neu gebaut werden muss. Deswegen liegen zwei Schreingründe direkt nebeneinander. Während auf dem einen der aktuelle Schrein steht, werden auf dem anderen die Vorbereitungen für den Aufbau des nächsten Schreins begonnen.
In diesem Jahr wird übrigens der Schrein wieder abgerissen und die neu erbaute Version eingeweiht.


Das Torii des Ise-Schreins. Der Schrein selbst befindet sich in einer großen Parkanlage, mit riesigen Bäumen und einem vorbeirauschenden Fluss.


Am Ende dieser Treppe kann man das Dach des Schreines erkennen. Da heilig gibt es keine näheren Aufnahmen. Aber auch aus der Nähe wird einem nicht viel mehr als ein Blick auf die Dächer gewährt.

Übers Wochenende ging es nach Himeji und dann Snowboard fahren im Norden Hyogos. Da ich nur sehr kurz in Himeji war und das Schloss momentan renoviert wird und deswegen komplett in eine Stoffbox gehüllt ist, gibt es hier keine Photos.
Beim Snowboarden hat es leider furchtbar geregnet, so dass es nicht soooo arg spaßig war, aber so häufig hat man ja nicht die Gelegenheit...

Direkt von den Bergen bin ich dann zu meiner ehemaligen Gastfamilie gefahren, wo ich Silvester und die Anfänge des neuen Jahres verbracht habe.
Traditionellerweise haben wir um 12 Uhr nachts den Dorfschrein besucht und vor den Hausaltaren gebetet.
Die nächsten Tage gab es Osechiryori, das traditionelle Essen zum neuen Jahr. Da an den ersten Tagen des Jahres nicht gearbeitet werden soll, wird das Essen zum Silvestertag hin vorbereitet und dann für die nächsten drei Tage verspeist. Zu essen gibt es Fisch, paniertes Hühnchen, Ei, Shrimps, Shitake, verschiedene Gemüse, etc. und natürlich alles kalt.
Nach den ersten zwei Tagen wird das dann schon mal etwas langweilig, auch wenn die Auswahl am Anfang noch groß erschien.


Kein Peace-Zeichen, sondern traditionelles Shinto-Handsiegel für den Neujahrstag........
Ok, nicht wirklich....

 Aufwärmen am Lagerfeuer vorm Schrein

Mein Gastvater war dieses Jahr zuständig, die Aufsicht über den Schrein zu übernehmen. In kleineren Gemeinden ist das Gang und Gebe, dass die Dorfbewohner sich selbst darum kümmern. Jedes Jahr wird jemand anderes verpflichtet...aber mein Gastvater hat das jetzt schon zum dritten Mal hintereinander übernommen. Zu den Aufgaben gehört auch das Herrichten des Schreins, mit Strohschmuck u.ä., bei dem ich auch etwas geholfen habe.

Nach diesen ruhigen und sehr verfressenen Tagen (wie an Weihnachten in Deutschland wird außer Essen und Ausruhen nicht viel unternommen). Ging es dann noch für zwei Tage nach Kyoto mit Megumi, wo tausende den ersten Schrein- oder Tempelbesuch des Jahres durchführten, auf Japanisch Hatsumode genannt.

 Koreanische Küche - leider etwas wenig.

 Vorm Ginkakuji - dem Silbernen Pavillion Kyotos mit meiner Rastafreundin!



Blick vom Tor des Nannzenji.


 Das Jahr der Schlange hat begonnen!


Kemari - das traditionelle Hacky-Sack spielen der Shinto-Religion, allerdings gute 1400 Jahre älter als die moderne Variante. Die Regeln sind dieselben: ein Kreis aus Shintopriestern versucht den Ball aus Rehhaut(im Bild zu sehen) so lange wie möglich in der Luft zu halten ohne ihn mit den Händen zu berühren.


Der Kitano-Tenmangu, ein Schrein wo für gute Noten und Erfolg in Prüfungen gebetet wird. Genau das richtige für das 2.StEx!

Nach einem halben Jahr ohne romantischen Kontakt wird man etwas verzweifelt...


 Der Inari-Schrein, berühmt durch seine vielen roten Torii...


...sehr viele rote Torii, mehrere tausend um genau zu sein, die bis auf die Spitze des Berges führen.










Omake:






Donnerstag, 20. Dezember 2012

Zeit des Vergessens

Das Ende des Jahres rückt näher und in dieser Zeit versuchen die Japaner sich von all den unschönen Erinnerungen und Ereignissen der letzten zwölf Monate zu befreien.
Und wie macht man das am besten? Richtig, man ertränkt all seine Sorgen in Alkohol!

Statt Weihnachtspartys gibts hier das sogenannte 忘年会 = Bōnenkai was wörtlich soviel bedeutet wie: "Treffen um das Jahr zu vergessen". Und da man seine Erinnerungen und Erlebnisse nicht nur mit den Kollegen von der Arbeit teilt, sondern auch mit privaten Freunden, Mitgliedern des gleichen Vereins, etc., findet dieses Zusammenkommen nicht nur einmal statt, sondern mehrfach. Ich persönlich wurde auf fünf Bōnenkai eingeladen und erfülle damit wohl den Standardsoll. Es gibt aber auch Leute, die zwischen 8-10 Mal das Vergessen feiern, damit es auch wirklich permanent ist!

Bereits stattgefunden haben die Treffen des Darm-Teams und die jeweiligen Bōnenkai von Herz-Kreislauf- und Gastrostation. Am Wochenende folgt dann noch das Trinken mit den Leuten vom Sōjutsu und mit den Medizinstudenten.

Diese Veranstaltungen sind ziemlich groß - das Bōnenkai des Darm-Teams war bisher das kleinste mit ca. 30 Teilnehmern, bei den anderen beiden kamen um die 60 Leute zusammen.
Dementsprechend lebhaft wird die Stimmung dann auch. Es wird meist ein großer Saal in einem Restaurant gemietet für ziemlich exakt drei Stunden. Dann gibt es Essen und Trinken, jeweils für zwei Stunden, danach muss extra gezahlt werden. Und wenn wir schon beim Preis sind: billig ist so 'ne Veranstaltung nicht, die Teilnehmer müssen zwischen 50-100€ blechen, je nachdem, welche Stellung (sprich: was für ein Gehalt) sie inne haben. Wer mehr verdient zahlt mehr. Da ich nichts verdiene zahle ich auch nicht und lasse mich dreister Weise einladen...!
Während der drei Stunden gibt es natürlich ein kleines Showprogramm, bei den Gastrochirurgen gabs ein Bingospiel und ein Schere-Stein-Papier-Turnier bei dem ich gleich mal den zweiten Platz und damit 100€ gewonnen habe (kein Scherz).
Nach dem die Zeit abgelaufen war, gab es eine kurze Abschlussrede, die daraus bestand, dass alle Gäste einmal in die Hände klatschten und sich dann sofort aus dem Staub machten. Hier gibt es kein langes Rumlingern wie in Deutschland, wo sich jeder von jedem verabschiedet oder noch die letzten Gespräche beendet werden - die Japaner sind in dieser Beziehung sehr kompromisslos, wenn Schluss ist, ist eben Schluss. Und dann wird alles Stehen und Liegen gelassen und man verlässt das Restaurant.

Da der Abend ja aber noch jung war, ging ein Teil der Vergessensgesellschaft noch Karaoke singen und ich schloss mich natürlich eifrig an. Um etwas deutsche Stimmung zu verbreiten, schmetterte ich 99 Luftballons durch den kleinen Raum (vor allem, da niemand dabei erkennen konnte, wie grottig ich tatsächlich singe). Danach wurden japanische Lieder angestimmt, es gab heiße Tanzeinlagen zu bestaunen, Ärzte die auf Tische sprangen, ich musste die Knutschattacken einer ca. 60jährigen Schwester abwehren, die just an diesem Abend entschieden hatte, dass ein nichtmal halb so alter deutscher Medizinstudent genau das Richtige für ihre Trophäensammlung wäre und als mir einer der jungen Ärzte auf die Nerven ging, kugelte ich ihm seine Schulter aus.

Mit einer erneut geschrumpften Gruppe zog ich dann noch weiter, um frittiertes Hähnchen und etwas Sake zu verschlingen. Letzten Endes kam ich um halb drei nach Hause und musste am nächsten Tag um 8 Uhr wieder in die Klinik (ging aber tatsächlich erst um 9 und verzichtet ausnahmsweise darauf, OPs zu besuchen).

Das Bōnenkai der Internisten fiel ein klein wenig ruhiger aus, auch weil weniger Teilnehmer vor Ort waren. Großes Highlight war der Krabben-Krebs-Tanz, bei dem ich natürlich mitmachen musste und den wir dann nochmal bei der zweiten Station in einer kleineren Bar vor den anderen Gästen (also wildfremden Leuten) aufführten - unter großem Applaus versteht sich.

Wer diesen Tanz für die Begrüßung bei meiner Rückkehr einüben möchte, der soll sich bitte dieses Video anschauen (und keine Sorge, es ist wirklich nicht schwer zu lernen):



(Und wer sich über den Inhalt des Lieds wundert: es handelt von der großen Liebe der Japaner für Shrimps und Krebs und in welcher Form man die jeweiligen Tierchen am besten verspeist!)


Freitag, 7. Dezember 2012

Kobe-Kicker!

Puh, zwei Wochen im Dauerstress - wenn auch meist der guten Art.
Die Abende an denen ich in den letzten 14 Tagen nicht unterwegs war, kann man an einer Hand abzählen. Aber es gab ja auch viel zu unternehmen.
Unter anderem besuchte ich einen Medizinstudent bei seinem Nebenjob (Barkeeper, der mich netterweise kostenlos trinken lassen hat :D), habe zum ersten Mal Kendo im Univerein trainiert, einen Schrein bei Nachtbeleuchtung angeschaut, wurde von Ärzten zum Essen eingeladen, habe mit Ärzten Fußball gespielt, wurde von Ärzten zum Trinken eingeladen (seht ihr das Muster?), etc.
In der ersten Woche ließ sich das noch gut mit meinem Arbeitsplan vereinbaren, diese Woche wurde es dann doch anstrengend, da ich von Montag bis Mittwoch in jeweils über acht Stunden dauernden OPs teilgenommen hab.

Höhepunkt war aber sicherlich der Ausflug nach Kobe letzten Samstag. Training fiel leider mal wieder aus und ich hatte leider mal wieder keine Ahnung davon. Erneut stand ich also vor verschlossenen Toren. Diesmal war ich aber nicht der einzige Idiot. Einer der beiden anderen Ausländer die hier auch trainieren (es gibt einen [französischen] Schweizer und einen Kanadier) war ebenso ahnungslos wie ich.
Da wir die Anreise nicht vollkommen umsonst unternommen haben wollten, verbrachten wir den Vormittag mit Kaffe trinken und Geschichten erzählen, was auch sehr unterhaltsam war.
Mittags traf ich mich mit drei der jungen Ärzte, die ich auf der Kreislaufstation kennengelernt hatte. Zusammen fuhren wir mit dem Auto nach Kobe, um das letzte Spiel der J-League anzuschauen, dem japanischen Äquivalent der Bundesliga.
Es trafen Sanfrecce Hiroshima auf Vissel Kobe!
Schon vor dem Spiel war klar, dass Hiroshima in diesem Jahr Meister werden würde. Für Kobe war es dennoch ein wichtiges Spiel, da nur ein Sieg sie vom Absteigen bewahren konnte.
Um es kurz zu machen: die Qualität der J-League entspricht nicht den Standards der Bundesliga.
Trotzdem war es lustig anzuschauen, die Partie war aber von Fehlpässen, Stolplern und einem sehr gemässigtem Tempo geprägt. Der Torwart des Meisters begeisterte mit einem Pass im Elfmeterraum auf einen Gegenspieler und einer knappen Parade, die den anschließenden Torschuss gerade noch so vereiteln konnte.
Viele andere Torchancen gab es aber nicht - die Partie ging 1:0 für Hiroshima aus, der Treffer wurde durch einen Elfmeter erzielt.

Nach dem Spiel schlenderten wir etwas durch die Stadt, um unseren Appetit anzuregen. In einer der Einkaufspassagen wurde ich von einer anderen Ausländerin angesprochen, die mich um etwas Geld für eine Spendensammlung bat. Als ich ihr entgegnete, dass ich noch Student sei und mir das derzeit nicht leisten könne, sagte sie eiskalt:
"Du trägst doch Klamotten, also hast du ja wohl Geld!"
Auf dieses Argument ließ ich mich aber doch nicht ein und flüchtete schnell vor der spukigen alten Hexe.

Zum Abendessen gab es das berühmte Kobe-Rind, wenn auch in sehr sehr kleiner Portion, da es sonst unbezahlbar gewesen wäre.
Danach ging es weiter. Ich dachte zunächst, dass wir jetzt den Heimweg antreten würden, da es immerhin eine gute Stunde bis nach Kashihara dauerte und die Zeit schon etwas fortgeschritten war, aber weit gefehlt!
Die drei Ärzte hatten nach einer besonderen Bar für mich gesucht und sie letzten Endes auch gefunden. Zu Stande kam das alles, weil wir an einem anderen Abend über deutsche Bargebräuche gesprochen hatten.
Wir betraten also den mystischen Ort, der sich gut versteckt in einer Unterführung befand und den wohl niemand außer uns gefunden hatte, denn die Bar war bis auf den Barkeeper vollkommen leer.
Meine Adleraugen erspähten aber sogleich den Kern der Magie dieses Ortes:

Ein Tischkicker!

Hierzu muss man sagen, dass den Japanern diese Erfindung so gut wie unbekannt ist. Ich kam schon an die Grenzen meines Japanischs, als ich versuchte den Ärzten zu erklären, wie so eine arkane Maschine denn funktionieren würde und warum das denn Spaß machen soll. Der Barkeeper versicherte uns, dass es in Tokyo zwar einige Kickertische geben würde, in Osaka aber nur diesen einen.
Nicht ganz überraschend kam dann auch die Erkenntnis, dass der Tischkicker nicht ganz originalgetreu aufgebaut war. So gab es 13 statt 11 Spieler und die Anordung war auch etwas gewöhnungsbedürftig - Spaß hatten wir trotzdem!
Und in den Japanern, die zum ersten Mal in ihrem Leben spielten, hatte ich auch endlich Gegner gefunden, gegen die ich eine reale Chance zu gewinnen hatte!!!
Natürlich mussten sie bei einem zu null Sieg auch unter dem Tisch durchkrabbeln :D

Am nächsten Tag besuchte ich Kyoto, dass Wetter war allerdings etwas grau und ich erschöpft von den letzten Tagen, so dass ich nicht allzu lange Zeit dort verbrachte.
Mittags aß ich in einem kleinen Tante Emma Laden eine Portion Udon(Nudeln), da ich mir dachte, mal etwas Geld zu sparen. Als ich dann die erste Kakerlake über den Boden zischen sah, merkte ich, dass das vielleicht keine gute Idee gewesen war.
Ich hatte jetzt zwei Optionen; entweder ich ließ das Essen stehen und verließ mit leerem Magen den Laden, um nochmal Geld ausgeben zu müssen oder ich betete, keine Lebensmittelvergiftung zu bekommen, aß artig und zügig auf und hoffte, dass sich keine Kakerlaken in meine Klamotten gesetzt hatten, um sich anschließend in meiner Wohnung zu verbreiten.
Natürlich entschied ich mich für die zweite Option.
Die Tempel und Schreine Kyotos dankten es mir, da ich an jedem Halt machte, um zehn Yen in die Opferkiste zu werfen und für eine gesunde Verdauung zu beten.
Offensichtlich waren mir die Götter wohlgesinnt, da ich keinerlei Schwierigkeiten in dieser Hinsicht hatte!


Von links nach rechts: Fukuba, Marcel, Takeda und Urate


Die japanische Tischkickerpose!


Das obligatorische Gruppenbild


Schreinwächter in Kyoto


Wunderschönes Kyoto, auch bei grauem Himmel (Kyomizudera)


Herbstblüte - der Grund für tausende Japaner nach Kyoto zu reisen


Tausende Japaner in Kyoto


Tradition mitten in der Stadt